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Summer School in Clinical Linguistics 2008
"Aphasie im Alltag"
 

Summer School 2008 „Aphasie im Alltag“ – vom Monolog zum Dialog
Matthias Moriz

Es sind die defizienten grammatischen Eigenschaften aphasischer Sprache – ihre Syntax, Morphologie, Lexik, Phonologie – mit denen sich die Aphasiologie ganz vorrangig und von Alters her beschäftigt (vgl. Tesak 2001, S.221ff). Dies gilt auch heute noch: Die Aphasiologie untersucht überwiegend die Fähigkeit zum Monolog; die Frage nach der performance der Patienten im Dialog oder gar im alltäglichen Gespräch gehört dagegen zu den selten gefragten Fragen. Das ist nicht moralisch verwerflich, sondern historisch verständlich: Auch die Forschung schreitet – ganz wie das Leben – vom Einfachen zum Komplexen fort.

Nun veranstaltete der Bundesverband für Klinische Linguistik unter Schirmherrschaft des dbs vom 04. bis 07. September 2008 im wunderschönen Würzburg eine Summer School „Aphasie im Alltag“. Initiatorinnen und Veranstalterinnen waren Bernd Frittrang, Frank Ostermann und Dr. Angelika Bauer. Einige der Fragen:

  1. Mit welchen Methoden kann man Gespräche untersuchen?
  2. Mit welchen Methoden kann man erfassen, wie sich Aphasie im alltäglichen Gespräch der Betroffenen und ihrer Angehörigen auswirkt?
  3. Welche Probleme erzeugen diese Auswirkungen im Alltag zuhause oder im öffentlichen Raum?
  4. Wirkt klinische Aphasietherapie in diesen Alltag hinein, und wie kann das vielleicht nachgewiesen werden?
  5. Wie bewältigen Familien mit einem aphasischen Mitglied ihre Probleme?

Knapp vierzig Fachleute u.a. aus den Bereichen Logopädie, Klinische Linguistik, Grundlagenforschung (Gespräch, nonverbale Kommunikation u.a.) hatten sich zusammengefunden, um diese und ähnlich gelagerte Fragen intensiv zu erörtern.

Am Nachmittag des Donnerstag, 04.09.08, beschäftigten sich die Tagungsteilnehmer vier Stunden mit basics der Konversationsanalyse. Referent war Martin Hartung vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim. Danach veranschaulichte Geli Bauer (Neurologische Klinik Elzach) die Anwendung der Konversationsanalyse in der Aphasiologie.

Am Freitagvormittag ging es in mehrstündigen Workshops um die interaktionale Analyse des Ablaufs von Aphasietherapie-Sitzungen (Frank Ostermann, Praxis für Sprachtherapie Dresden) und funktionale / dysfunktionale Kommunikationsstrategien in alltäglichen Gesprächen zwischen aphasischen und nicht-aphasischen Gesprächsteilnehmern (Geli Bauer).

Der Freitagnachmittag war der Aufnahme und Diskussion von größeren Vorträgen zur Multimodalität gewidmet: Anja Stukenbrock (Freiburg Institute for Advanced Studies) veranschaulichte die komplexe Multimodalität realer Gespräche, Luise Springer (Lehranstalt für Logopädie der RWTH Aachen) untersuchte Multimodalität in Reparatursequenzen und Katharina Hogrefe (Klinikum München-Bogenhausen) referierte über nonverbale Kommunikation bei Apraxie. Zum Abschluss erläuterte Georg Goldenberg (Klinikum München-Bogenhausen) Defekte dieser Multimodalität unter den Bedingungen neuropsychologischer Syndrome, u.a. anhand von Lokalisationsstudien mit bildgebenden Verfahren.

Dominierender Themenkomplex  am Samstag war die funktionale Diagnose von Aphasie und ihr Verhältnis zur formalen Diagnostik (Tests, modellorientierte Methoden) einerseits, ihr Verhältnis zur (konversationsanalytischen) Erfassung und Beschreibung von Aphasie im (alltäglichen) Gespräch andererseits. Ernst G. de Langen (Reha-Zentrum Passauer Wolf Bad Griesbach) referierte über Geschichte und Spektrum funktionaler Diagnostik der Aphasie, während Mieke van de Sandt-Koenderman (Aphasia Team, Rijndam Rehabilitation Center und Erasmus MC: Dpt. of Rehabilitation Medicine)  den „Scenario Test“ zur multimodalen Diagnose aphasischer kommunikativer Fähigkeiten vorstellte. Die Diskussion wurde von Matthias Moriz (Klinik am Stein Olsberg) und Claus-Jürgen Schlenck (Fachklinik Enzensberg Füssen) geleitet.
Am späten Samstagnachmittag stellte Prof. Fries (Praxis für ambulante neurologische Komplexbehandlung und Nachsorge München) das Konzept einer wohnortnahen und alltagsrealistischen neuropsychologischen Rehabilitation vor.
Der Tag klang nach einer spannenden Führung durchs wunderschöne Würzburg (Herbert König) in einer Weinschenke aus.

Am Sonntag stellte Herbert König (Neuropsychologische Praxis König & Müller Würzburg) psychosoziale Auswirkungen aphasischer Probleme auf den Lebensalltag im Einzelfall dar, gefolgt von einem Vortrag von Gabriele Lucius-Hoene (Abt. Rehabilitationspsychologie der Universität Freiburg) über die Bewältigung von Aphasie im Leben von Paaren. Den Abschlussvortrag hielt Prof. Teichmann unterstützt von Christine Eisele (Kommunikations- und Informationszentrum für Aphasiker und Angehörige Kreischa) über Bewältigungsmodelle, die in der Selbsthilfebewegung selbst geschaffen werden.

Es sind leane Vortragsschnipsel von 15 Minuten sowie noch magerere Diskussionsstummel, die einem meist auf Tagungen geboten werden – Monologquickies mit fast keinem Dialog danach. Auf dieser Tagung war das anders: Den Referaten standen große Zeitbudgets zur Verfügung, für die Diskussion war ebenfalls reichlich Zeit eingeräumt worden: Slow talk. Hinzu kam, dass die Teilnehmer im Tagungsgebäude – dem „Fränkischen Hof“ – auch logierten. Dadurch konnte ein sehr umfassender und intensiver Austausch erzeugt werden, der eine tiefergehende und detailreichere Diskussion der Probleme ermöglichte. Dass auch die Teilnehmerzahl begrenzt war, trug hierzu (wenn auch nicht entscheidend) bei. Dieses Veranstaltungsformat bewirkte – passend zum Veranstaltungsthema – ein Fortschreiten vom Einfach zum Komplexen, vom Monolog zum Dialog.

Literatur
Jürgen Tesak, Geschichte der Aphasie. Idstein (Ts.): Schulz-Kirchner Verlag 2001.

 
 
Programm
 

Donnerstag, 4.9.08:
13:00 Anreise und Begrüßung

14:00 Einführung in die Konversationsanalyse
M. Hartung

18:00 Abendessen

19:00 Konversationsanalyse - ein Instrument für die Aphasietherapie?
R. Bongartz

21:00 Get together

Freitag, 5.9.08:
9:00 Workshops aphasische Interaktion
F. Ostermann, A. Bauer, M. Hartung, R. Bongartz

12:30 Mittagessen

13:30 Multimodalität sprachlicher Interaktion
A. Stukenbrock
Folien
14:30 Multimodale Verständigungsverfahren bei Aphasie
L. Spinger
Folien - Transkript

15:30 Kaffeepause

16:15 Aphasie und Gestik
K. Hogrefe
Folien
17:15 Multimodalität als Ressource der Adaptation? Konzeptionelle Konsequenzen für die Aphasietherapie?
G. Goldenberg

18:00 Abendessen

19:00 Sprachliche Interaktion als Bezugsrahmen / Modell für eine alltags- und partizipationsorientierte Aphasietherapie?
A. Bauer
Folien

21:00 Get together

Samstag, 6.9.08:
9:30 Funktionale Diagnostik
E.G. de Langen

10:30 Kaffeepause

11:00 "Scenario-Test" - Assessment of verbal and nonverbal communication abilities in aphasia
M. van de Sandt-Koenderman
Folien

12:30 Mittagessen

14:00 Diskussion der Vorträge mit den Referenten

15:30 Neurolinguistische Diagnostik, funktionale Diagnostik und Therapieplanung - gibt es eine integrative Perspektive?
M. Moritz, K.-J. Schlenck
Folien

16:30 Kaffeepause

17:00 Leben mit Aphasie: Teilhabe
W. Fries

18:30 Abendessen und Abendprogramm

Sonntag, 7.9.08:
9:30 Psychosoziale Folgen von Aphasie
H. König
Folien
10:30 Bewältigungsstrategien: Coping als Paar
G. Lucius-Hoene
Folien - Beispiel 1 - Beispiel 2 - Beispiel 3

11:30 Kaffeepause

12:00 Sprachtherapeuten als Adaptationscoach und Betroffene als Kommunikationsassistenten: Teilhabe im Adaptationsprozess?
H. Teichmann
Folien

13:00 Abschluss der Summer School 2008